Shennong entdeckt die Heilkunst 神农鞭药 (1985) #
Shennong entdeckt die Heilkunst 神农鞭药 von Yuan Ke 袁珂, adaptiert von Li Baiying 李白英, gezeichnet von Hu Yongkai 胡永凯, übersetzt von Britta Dick, Shanghai: Shanghai renmin meishu chubanshe, 1985.1
translation and introduction: 1 August 2026
Zu Inhalt und kulturellem Hintergrund #
Britta Dick
Shennong entdeckt die Heilkunst 神农鞭药 ist eine Adaption von Yuan Kes 袁珂 (1916-2001) aufgezeichneten Legenden zu den Ursprüngen der traditionellen chinesischen Medizin. Yuan Ke war Vorsitzender der Chinese Mythology Association 中国神话学会 und erforschte an der Sichuan Academy of Social Sciences 四川省社会科学院 die chinesische Mythologie. Im Jahr 1950 wurde sein erstes Werk Mythen des alten China (中国古代神话) veröffentlicht und in Folge kontinuier-lich erweitert. Bereits dieses Kompendium enthält eine Darstellung Shennongs, die dem vorlie-genden Lianhuanhua-Band zugrunde liegt (Yuan 1960).
Shennong selbst gehört in China zu den bedeutendsten mythologischen Figuren. Der Legende nach wurde er zwischen 3000 und 2000 Jahren vor unserer Zeitrechnung auf dem Berg Lie (Lieshan 烈山) in der heutigen Provinz Hubei geboren und führte später den „Flammen-Stamm“ an, weshalb er auch als der „Flammen-Kaiser“ (Yandi 炎帝) bekannt ist. Diese Bezeichnung ist vermutlich auf Shennongs Wohnort zurückzuführen, da sein Clan in den südlichen Gefilden ansässig war und diese aufgrund der dort herrschenden Hitze traditionell mit Feuer in Verbindung gebracht wurden. Shennong gilt zudem als der zweite Urkaiser Chinas und ist damit der Nachfolger Fuxis 伏羲, dessen Frau Nüwa 女娲 der Legende nach die Menschen erschaffen hat. Gemeinsam mit Fuxi und dem dritten Urkaiser Huangdi 黄帝 wird er daher als Ahnherr der chinesischen Zivilisation betrachtet.
Shennongs Mutter An Deng 安登 war von menschlicher Herkunft und mit dem Anführer eines Stammes liiert, sein Vater hingegen ein Drache. Aufgrund seiner überirdischen Vorfahren väterlicherseits besaß Shennong ein ungewöhnliches Aussehen: So hatte er den Kopf eines Stieres bzw. Stierhörner, das Gesicht eines Drachen und einen durchsichtigen Menschenkörper, dessen Organe von außen erkennbar waren. Er gilt als der Begründer der Landwirtschaft, weshalb man ihn schließlich „Shennong“, den „Göttlichen Bauern“ nannte. Wahrscheinlich steht er als Metapher für den Zeitpunkt, als die Menschen von Jägern und Sammlern zu sesshaften Bauern wurden, wodurch sie sich in gewissem Maß aus der Abhängigkeit von der Natur befreiten und stabilere Lebensverhältnisse schufen. Zu diesen neuen Bedingungen trugen zahlreiche Erfindungen und Innovationen bei, die Shennong zugeschrieben werden. Hierzu gehören u. a. ein spatenähnlicher Holzpflug, Brunnen, Bewässerungsanlagen, der Getreideanbau, der Handel bzw. Markt und nicht zuletzt die traditionelle chinesische Medizin, der ein größerer Abschnitt in diesem Lianhuanhua-Band gewidmet ist.
Um die Wirkung der Pflanzen zu erforschen und die Menschen von ihren Krankheiten zu heilen, begab sich Shennong auf ausgedehnte Wanderungen in die entlegensten Gebiete bis hin zum Garten des Himmelspalastes. Aufgrund seines Einsatzes schenkte ihm der Himmelskaiser eine göttliche Peitsche, die ihm jede Eigenschaft der Kräuter offenbaren sollte. Während eines Streifzugs entdeckte Shennong die Teepflanze, deren entgiftende Wirkung er sofort erkannte. Fortan verzichtete er auf seine Peitsche und testete die Pflanzen nun an sich selbst, weshalb er seine neue Medizin „cha“ 查, also „Kontrolle“ nannte. Nachfolgende Generationen sollen dieses Wort mit dem gleichklingenden Schriftzeichen 茶 verwechselt haben, das noch heute für „Tee“ im chinesischen Sprachgebrauch steht, schließlich soll auch dieses traditionsreiche Getränk eine Erfindung Shennongs sein.
Während seiner Selbstversuche war außerdem der dursichtige Körper des Flammen-Kaisers von großer Bedeutung. Dieses besondere Merkmal könnte für ein gutes Verständnis des eigenen Körpers früherer Pioniere der Medizin sowie deren anatomisches Wissen stehen. Tragischerweise starb Shennong jedoch, nachdem er eine hochgiftige Pflanze probiert und es nicht mehr geschafft hatte, sein Gegenmittel einzunehmen. Da er stets das Leid der Menschen mindern wollte und dabei sein Leben opferte, wird er noch heute als „Medizinkönig-Bodhisattva“ verehrt. Zu seinem Vermächtnis gehört Shennongs Kanon der Heilpflanzen 神农本草经, wobei es sich hier um die älteste überlieferte Schrift über die Wirkungsweise von Arzneistoffen handelt. Tatsächlich wurde dieses Werk erst während der östlichen Han-Dynastie (25-220 n. Chr.) von mehreren Gelehrten verfasst und enthält nicht nur die Beschreibung pflanzlicher, sondern auch tierischer und mineralischer Zutaten. Trotz ihres beachtlichen Alters ist diese Schrift auch heute noch relevant, zumal die Wirkung einiger Stoffe als wissenschaftlich erwiesen gilt (Liang und Huang 2026; Zhou, Han u. a. 2025).
Auch optisch ist dieses Lianhuanhua interessant, zumal sich der Künstler Hu Yongkai 胡永凯 (geb. 1945) für die Illustrationen verantwortlich zeichnet. Hu Yongkai war ab den 1960ern mehr als zwanzig Jahre für das in China äußerst populäre Shanghai Animation Film Studio 上海美术电影制片厂 tätig und trug zu dessen Ästhetik bei. Ein besonderes Merkmal ist die Ausdrucksstärke seiner Figuren und die emotional geprägte Darstel-lung ihrer Beziehung zueinander. Diese Handschrift ist auch im vorliegenden Band gut zu erken-nen.
In Shennong entdeckt die Heilkunst fällt noch ein weiteres Detail ins Auge, das zunächst relativ unscheinbar wirkt: So tauchen in zahlreichen Panels altertümliche Gefäße auf, die jedoch nicht frei erfunden und willkürlich hinzugefügt worden sind, vielmehr erinnern sie an die Tonwaren der neolithischen Yangshao-Kultur (仰韶文化 5000-3000 v. Chr.). Mit ihren schwarzen, wellen-förmigen Linien und netzartigen Strukturen auf rotem Grund, die sich mit „wogenden“ schwarzen Flächen abwechseln, prägten sie den Stil nachfolgender Zivilisationen. Auch die Illustrationen des Lianhuanhua sind von dieser Ästhetik geprägt, beispielsweise finden sich die filigranen Muster in vereinzelten Stoffornamenten, den Pflanzenblättern und der Vegetation sowie Struktur entfernter Berge wieder und schließen sich häufig direkt großzügig geschwärzten Flächen an. Darüber hinaus sind die geschwungenen Linien in den Gliedmaßen und Haaren der Figuren, ihren Gewändern und der gesamten Umgebung allgegenwärtig, wodurch eine noch erhaltene Einheit von Mensch, Natur und Kunst evoziert wird.
Anmerkungen zu einigen Namen und Begriffen #
Aufgrund kultureller Besonderheiten bedürfen einige der chinesischen Namen und Begriffe möglicherweise einer zusätzlichen Erläuterung:
Nüwa 女娲 (Panel 1): Nüwa gilt in China als Schöpfergöttin und wird häufig wie ihr Bruder und Ehemann Fuxi, der erste der drei Urkaiser, mit dem Unterkörper einer Schlange oder eines Fischs dargestellt. Der Legende nach schuf sie aus Einsamkeit die Menschen aus gelbem Lehm, wobei sie die ersten noch mit ihren Händen formte, woraus der Adel entstand. Alle anderen gestaltete sie jedoch mit einem Seil, das sie durch die Erde zog – hieraus entwickelte sich die einfache Bevölkerung, die „in Massen produziert“ worden war und damit dem Adel zu unterstehen hatte.
Hongse de niao’er 红色的鸟儿 (Panel 5): Der „rote Vogel“ erinnert hier an den Phönix, den König der Vögel, der während einer gerechten Herrschaft erscheint und großen Wohlstand ankündigt.
Tiandi 天帝 (Panel 9): Archaischer „Himmelskaiser“, hier ebenso das Oberhaupt des chinesischen Pantheons.
Kunlun Shan 昆仑山 (Panel 22): Das Kunlun-Gebirge schließt sich im Westen direkt an den Pamir in Tadschikistan an und bildet eine natürliche Grenze zwischen Tibet im Süden und dem Tarimbecken im Norden, bevor es sich durch Xinjiang fortsetzt und schließlich in der Provinz Qinghai endet. Chinesischen Legenden zufolge befindet sich dort die Wohnstätte des Gelben Kaisers und der Königinmutter des Westens.
Duguang zhi ye 都广之野 (Panel 22): U. a. im heutigen Chengdu in der Provinz Sichuan vermutet, gilt die Ebene von Duguang als Zentrum der Welt und paradiesischer Ort, in dessen Mitte der Jianmu-Baum wächst. Sie wird von zahlreichen Tieren bewohnt und aufgrund ihres Vorkommens ungewöhnlich vieler Getreidearten mit einem frühen Zentrum der Landwirtschaft und dem antiken Königreich der Shu 蜀 (?-316 v. Chr.) in Verbindung gebracht.
Jianmu 建木 (Panel 22): Ein sagenhafter Baum mit violettem Stamm, grünen Blättern, schwarzen Blüten und gelben Früchten. Er befindet sich im Zentrum der Welt und dient als Verbindung bzw. Reiseweg zwischen Himmel und Erde. In der archäologischen Stätte von Sanxingdui 三星堆, einem möglichen Teil des früheren Königreichs Shu im heutigen Sichuan, wurden ca. vier Meter hohe bronzene Bäume gefunden, die den Jianmu-Baum darstellen sollen.
Yaocao 瑶草 (Panel 24): Das hier genannte „Jadegras“ ist eine mythologische Pflanze, die der Legende nach einen klaren Geist fördert. Auch wenn diese mythologische Pflanzenart unbekannt ist, handelt es sich womöglich um einen Korbblütler der Gattung Atractylodes mit weißen Blüten und schwarzen Früchten, deren Wurzeln noch heute in der traditionellen chinesischen Medizin verwendet werden.
Chijian tianma 赤箭天麻 (Panel 39): Gastrodia elata bzw. „Himmelshanf“ ist eine Orchidee mit leuchtend gelben Blüten, die an dem Ende eines langen, orangeroten Stiels angeordnet sind, daher der Zusatz „chijian 赤箭“ (dt.: „roter Pfeil“). Sie wird traditionell gegen Bluthochdruck und Ner-venkrankheiten wie Epilepsie angewendet, aber auch zum Schutz der Knochen sowie als Mittel gegen Geschwulste und das Altern im allgemeinen Sinne.
Gancao 甘草 (Panel 42): Glycyrrhiza uralensis bzw. „Chinesischer Süßholz“ oder „Ural-Süßholz“. Die Wurzeln dieser Pflanze können Keime abtöten sowie Entzündungen entgegenwirken und werden in China traditionell gegen Magen- und Darmgeschwüre, Verstopfung sowie Husten angewendet.
Niuxi 牛膝 (Panel 45): Achyranthes bidentata wird im Deutschen auch „Ochsenknie“ oder „Zweizähnige Spreublume“ genannt und gehört zu den Fuchsschwanzgewächsen. Ihre Wurzeln werden in der traditionellen chinesischen Medizin aufgrund ihrer durchblutungsfördernden sowie entzündungshemmenden Wirkung geschätzt und u. a. gegen Schwellungen, Leber- und Nierener-krankungen sowie als Schmerzmittel eingesetzt.
Duanchangcao 断肠草 (Panel 48): Gelsemium elegans, im deutschen Volksmund auch „Herz-schmerzgras“ genannt, gehört zu den Jasminwurzelgewächsen (Gelsemiaceae) und ist für seine hochgiftigen Eigenschaften bekannt. Die Alkaloide dieser Rankpflanze lähmen die Atmung und führen innerhalb kurzer Zeit schon bei einer geringen Dosis zum Tod. Nichtsdestotrotz wird Gelsemium elegans auch in der traditionellen chinesischen Medizin u. a. gegen Schwellungen sowie Juckreiz verwendet, darüber hinaus soll diese Pflanze entzündungshemmende Eigenschaften besitzen und bei der Behandlung von Geschwulsten wirksam sein.
Ding 鼎 (Panel 51): Drei- oder vierbeiniges Gefäß zumeist aus Bronze zum Erhitzen von Fleisch als Opferspeise. Die ältesten Exemplare gehen auf die Shang-Dynastie (ca. 18.-11. Jhdt. v. Chr.) zurück.
Shennongjia shanqu 神农架山区 (Panel 53): Shennongjia bedeutet wortwörtlich „Gerüst des Shennong“ und bezeichnet damit eine Leiter, die der Flammen-Kaiser bei seiner Suche nach Heilkräutern auf den steilen Bergen der Umgebung („shanqu“, dt.: Gebirgsregion) verwendet haben soll. Später hat sich seine Leiter der Legende nach in den dichten Wald verwandelt, der noch heute als einer der letzten Urwälder Chinas gilt und sich im Westen der Provinz Hubei befindet.
Die hier angeführten Erläuterungen sollen lediglich einem besseren Verständnis des Textes die-nen und ersetzen im Krankheitsfall nicht die Konsultierung eines Arztes.
Zitierte Literatur #
Liang Yongxuan u. Huang Yinghua. “Shennong, the Flame Emperor”. Journal of Traditional Chinese Medical Sciences 13 (2026), S. 1f. https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S2095754 826000025.
Yuan Ke 袁珂 u. a. Shennong entdeckt die Heilkunst 神农鞭药. Shanghai: Shanghai renmin meishu chubanshe, 1985.
Yuan Ke 袁珂. Mythen des alten China 中国古代神话. Beijing: Zhonghua shuju, 1960.
Zhou Xiantai, Han Minna, Yan Shiyu, Wang Mengyuan, Zu Shengzhou u. Zhong Shenghui. “From Molecules to Medicine: A Systematic Review of Gastrodia Elata’s Bioactive Metabolites and Therapeutic Potential”. Frontiers in Pharmacology 16 (2025). doi:10.3389/fphar.2025.1641443.
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We acknowledge the support of the ERC-funded project “Comics Culture in the People’s Republic of China” (CHINACOMX, Grant agreement ID: 101088049). We thank Hanno Lecher and the Library of the the Centre for Asian and Transcultural Studies (CATS), Heidelberg University, for providing us with high-resolution scans of the lianhuanhua. ↩︎