Die Familie 家 (1954/2005) #
Die Familie 家, basierend auf dem Roman von Ba Jin 巴金, bearbeitet von Li Zhongyuan 李仲源, illustriert von Dong Tianye 董天野, übersetzt von Eilika Doepfner, Qingsiyun Feng, Lena Henningsen, Kexin Wang, Sebastian Weihrich, Daria Wirth, und Lina Zhu, People’s Fine Arts Publishing House, 1954/Nachdruck 2005.1
translation and introduction: 1 August 2026
Zur Einführung #
Lena Henningsen
Die Familie (Jia 家) ist einer der wichtigsten und bis heute populärsten chinesischen Romane des zwanzigsten Jahrhunderts. Er wurde von Ba Jin (巴金, Pseudonym von Li Yaotang 李尧棠, 1904-2005) in den Jahren 1931 und 1932 zuerst in einzelnen Folgen in einer Zeitung, und dann 1933 erstmalig als Buch veröffentlicht. Ba Jin stammt selber aus Chengdu, dem Ort der Romanhandlung. Er wuchs in ähnlichen Verhältnissen wie die Protagonisten des Romans auf, in einer wohlhabenden, gebildeten Familie in Chengdu; die Mutter war früh verstorben, der Vater kurz darauf; der Großvater war ein unnahbarer Patriarch; das Verhältnis zu den zwei Brüdern war eng. Ba Jin lernte Fremdsprachen, setzte sich mit ausländischen Autoren auseinander, insbesondere mit den russischen Anarchisten Bakunin und Kropotkin (aus deren Namen er später seinen eigenen Künstlernamen schuf), und begann schon früh selber zu veröffentlichen. Zum Studium ging er dann nach Shanghai, Nanjing und Paris. Seine literarisch produktivste Lebensphase waren die Jahre 1927-1949. In der jungen Volksrepublik wurde er dann u.a. Herausgeber der wichtigen Literaturzeitschrift Die Ernte (收获), bevor er aufgrund seiner früheren anarchistischen Überzeugungen während der Kulturrevolution wie viele andere Autoren auch zur Zielscheibe von Kritik wurde und in einen der berüchtigten Kuhställe eingesperrt wurde. Nach seiner Rehabilitierung 1977 schrieb er Erinnerungen, auch über die Zeit der Kulturrevolution und starb 2005, schwer krank, kurz vor seinem 101. Geburtstag.
Zusammen mit den Romanen Frühling (春) und Herbst (秋) bildet Die Familie die Trilogie Reißende Strömung (激流). Die Familie allerdings überstrahlt in ihrer Wirkung die anderen beiden Bände. Der Roman wird aufgrund der Parallelen in den Biographien von Ba Jin und Juehui gerade in China oftmals zumindest teilweise autobiographisch gelesen und hat das Bild sowohl von Chengdu im frühen zwanzigsten Jahrhundert als auch von „der“ traditionellen chinesischen Familie maßgeblich geprägt (Stapleton 2016). Seither seiner Erstveröffentlichung hat der Roman zahlreiche Neuauflagen, zum Teil mit Änderungen durch den Autor, sowie Adaptationen in andere Medien gesehen: von einer frühen Bearbeitung für die Theaterbühne im Jahr 1942 durch den ebenfalls berühmten Dramatiker Cao Yu (曹禺 1910-1996) bis hin zu Fernseh-Adaptionen in der Zeit nach Mao. Diese Adaptationen sind Ausdruck der anhaltenden Popularität des Stoffes, aber auch ein Garant hiervon, da sie die Geschichte immer wieder für neue Medien und Zielgruppen erschließen. Durch ihre jeweiligen Akzentuierungen aktualisieren sie die Geschichte in verschiedenen historischen Rezeptionskontexten und können darüber hinaus als konkrete Interpretationen des Stoffes in unterschiedlichen Zeiten gesehen werden. So auch die vorliegende Bearbeitung von Die Familie als Lianhuanhua, ursprünglich 1954 veröffentlicht.
Die Familie spielt im Chengdu des frühen 20. Jahrhunderts. Der Roman behandelt im Prisma einer Familie und den Konflikten der unterschiedlichen Generationen den tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel, der sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in China abspielte. Er zeigt auch auf, wie die Reformideen seit dem Ende des 19. Jahrhunderts und insbesondere der „Vierten-Mai-Bewegung“ bis in die chinesische Provinz wirkten (siehe auch Panel 20): Die mit diesem Begriff verbundene Bewegung verstand sich als eine der Erneuerung der chinesischen Sprache, Literatur und Kultur mit dem Ziel, die chinesische Nation zu stärken und zu modernisieren. Ausgehend von der Hauptstadt Peking bemühten sich Schriftsteller, Künstler und andere Intellektuelle um eine Modernisierung der (Schrift)Sprache, um so ebenso das Bewusstsein der Bevölkerung zu reformieren wie die Institutionen des Landes, von den Bildungsinstitutionen, über die Medien bis hin zur Institution der Familie (Forster 2018, Mitter 2005).
Die Institution der patriarchalen Familie ist nicht nur titelgebend für Ba Jins Roman, sondern steht auch im Zentrum der Auseinandersetzung: Der Roman verhandelt das Zugehörigkeitsgefühl der Protagonisten zu ihrer Familie, mehr noch aber die Konflikte zwischen den verschiedenen Familienmitgliedern und ihren unterschiedlichen Wertevorstellungen. Während die jüngere Generation – insbesondere die Brüder Juexin, Juemin und Juehui – überzeugt von rationalem Denken und den Ideen der „Vierten-Mai-Bewegung“ sind, stehen für die ältere Generation traditionelle Werte und Moralvorstellungen im Vordergrund. Besonders prägend sind die patriarchalen Vorstellungen: Das Familienoberhaupt hat die höchste Entscheidungsgewalt, die eines Tages an den erstgeborenen Sohn (den Vater der drei Brüder) und dann den erstgeborenen Enkel (Juexin, aus dem „ersten Haus“, Panel 25) übergeben werden soll (sehr zum Missfallen seiner Onkel, siehe Panel 80). Töchter dagegen werden eines Tages in eine andere Familie einheiraten und sind entsprechend weniger wert. Überlieferte Handlungsmuster von konkreten Hochzeitsbräuchen, über das Vertrauen in Exorzisten bis hin zur Auswahl von Ehepartnern für ihre Kinder oder Enkelkinder prägen ihr Denken und Handeln. In Die Familie schildert Ba Jin die zerstörerische Kraft dieser veralteten Vorstellungen – und den unterschiedlichen Umgang hiermit: Juexin, der älteste männliche Nachfahre, fügt sich in die für ihn vorgesehene Rolle und verliert sowohl seine große Liebe als auch später seine Ehefrau, der er sich eng verbunden fühlt; Juemin, der mittlere Bruder, findet Glück in einer modernen Beziehung; Juehui rebelliert und verlässt am Ende der Geschichte seine Familie. Doch auch für ihn ist das Verhältnis zu seiner Familie vielschichtig: Zwischen den Brüdern dominiert trotz ihrer unterschiedlichen Temperamente ein enges Zusammengehörigkeitsgefühl, und gegen Ende der Geschichte erweist sich sogar der harte, im traditionellen Denken verhaftete und unnachgiebige Großvater als mitfühlend und verständnisvoll für die Situation der Brüder.
Das chinesische Wort für Familie – jia 家 – versinnbildlicht diese Vielschichtigkeit auf ganz eigene Weise. Das Schriftzeichen besteht aus den beiden Bedeutungsträgern „Dach“ (oben) und „Schwein“ (untere Hälfte) und steht damit für den Wohlstand in einem Haus. Jia kann damit als Haus übersetzt werden, aber auch als Heim oder Zuhause, und eben als Familie. Diese Mehrdeutigkeit wird in der Sequenz um Panel 43 deutlich, in der Juexin darüber nachdenkt, dass er sich erst jetzt in der Stille des Hauses (jia) während des drohenden Militärangriffs, wo außer seiner Ehefrau niemand von seiner Familie (jia) bei ihm ist, hier Zuhause (jia) fühlt.
Die Familien-Hierarchie wird im Chinesischen auch durch die Anreden und Namen der einzelnen Personen sichtbar: Geschwister und auch Vettern oder Kusinen der gleichen Generation „teilen“ sich in vielen Familien ein Schriftzeichen in ihren Vornamen, so die Brüder Juexin, Juemin und Juehui, oder deren Onkel Ke’an und Keding. (Die zahlreichen Vettern der „Jue“ Generation ebenso wie die übrigen Brüder der „Ke“ Generation treten in der Lianhuanhua Bearbeitung nicht namentlich auf). Die Onkel werden mitunter nicht namentlich angesprochen, sondern entsprechend ihrer Geburtsreihenfolge. Entsprechend ist Ke’an der Vierte Onkel, Keding ist der Fünfte Onkel. Deren Frauen sind entsprechend die Vierte Tante und die Fünfte Tante. Wenn diese namentlich angesprochen werden, dann als Geborene Wang und Geborene Shen – mit der Heirat in die Familie Gao wurden sie entsprechend der chinesischen Gewohnheit Teil dieser Familie, ihre Rufnamen spielen nun keine Rolle mehr, sicht- und hörbar bleibt noch der Name ihrer Geburtsfamilie.
Die Familie als Lianhuanhua 1954 #
Das vorliegende Lianhuanhua ist weder die erste, noch die einzige Bearbeitung für dieses Medium. Die (vermutlich) früheste Bearbeitung ist aus dem Jahr 1941 (Wanye shudian, bearbeitet von Fei Xinwo 费新我und Qian Juntao 钱君淘, wiederaufgelegt 1947). Die vorliegende Bearbeitung von Li Zhongyuan 李仲源 mit Illustrationen von Dong Tianye 董天野 wurde laut Angaben aus der von uns verwendeten Ausgabe 1954 im Lihua Verlag erstveröffentlicht, kurz darauf, im Juli 1955, erschien das Lianhuanhua erneut im Meishu duwu Verlag 美术读物出版社 in Shanghai, sowie 1957 im Shanghai renmin meishu Verlag 上海人民美术出版社. Die Beijinger Foreign Languages Press veröffentlichte 1959 eine englischsprachige Bearbeitung durch Sha Boli 沙博理 (Übersetzung) und Liu Danzhai 刘旦宅 (Illustrationen). Nach der Kulturrevolution – und nach Ba Jins Rehabilitierung – erschien 1983 im Tianjian renmin meishu Verlag (天津人民出版社) eine Bearbeitung von Jin Kejun 金克浚, mit Illustrationen von Shi Dawei 施大畏 und Han Shuo 韩硕 (Zhang und Wang 2003).
Für unsere Übersetzung verwenden wir den Nachdruck von 2005 des Lianhuanhua aus dem Jahr 1954. Die 1954er Version lag uns zum Abgleich von Text und Bild nicht vor – die Texte in den Bildunterschriften und in den Sprechblasen wurden zumindest neu gesetzt, da sie hier in vereinfachten Zeichen gesetzt sind, das Original aber vor der Schriftzeichenreform erschienen ist. Das Lianhuanhua ist erkennbar als eines aus den Fünfziger Jahren, da in dieser Zeit Sprechblasen deutlich verbreiteter waren als in den beiden Dekaden danach. In der visuellen Umsetzung hat Dong Tianye sich klar um eine historisch informierte Darstellung der Szenerie des Anwesens der Familie Gao bemüht – jedenfalls wenn wir davon ausgehen, dass diese den bei Ba Jin beschriebenen Park der Familie darstellt (Kristin Stapleton weist darauf hin, dass solche Gärten im Chengdu des frühen 20. Jahrhunderts eher unüblich waren, Stapleton 2016, 68). Auch die Kleider der handelnden Figuren weisen diese als Mitglieder einer wohlhabenden, gebildeten Gentry-Familie aus – mit Ausnahme von Juehui, dem jüngsten Bruder: dieser ist nicht nur meist in lässigerer Pose dargestellt, sondern trägt durchgehend einen „Mao-Anzug“. Dadurch wird er nicht nur als handelnde Figur leicht erkennbar; vielmehr unterstreicht sein Kleiderstil seine progressive Haltung, lässt Juehui aber stärker einem Kader der Kommunistischen Partei der Fünfziger Jahre ähneln denn einem progressiven Jugendlichen der Zwanziger Jahre. (Im Roman von Ba Jin dagegen scheint Juehui immer eine kurze Jacke und Hosen zu tragen, Stapleton 2016, 99).
Stärker noch ist das Lianhuanhua auf der inhaltlichen Ebene in den Fünfziger Jahren verankert. 1950 wurde in der Volksrepublik China ein neues, modernes Eherecht verabschiedet, das den Menschen u.a. die freie Partnerwahl garantierte. Dieses Gesetz bedeutet also ein Ende all der Missstände, die Juehui und seine Brüder in Die Familie erleben und beklagen. Die Umsetzung des neuen Gesetzes wurde von einer weitreichenden Kampagne begleitet (Altehenger 2018), da nicht alle in der Bevölkerung diese massive gesellschaftliche Umwälzung als segensreich empfanden. Die Lianhuanhua Bearbeitung von Die Familie kann damit auch als Teil der Bemühungen gesehen werden, die Vorzüge des neuen Rechts hervorzuheben. Während die Aktivitäten der jungen Generation um die Herausgabe einer modernen Zeitschrift in den Hintergrund drängt, liegt der Schwerpunkt der Handlung des Lianhuanhua auf der durch traditionelle Wertevorstellungen und den daraus resultierenden Eheschließungen geprägten Familienstruktur. Im Mittelpunkt der Handlung stehen das Ehe-(Un-)Glück von Juexin sowie auf die Misshandlungen die Wan’er nach ihrer Hochzeit erfährt, das „Hintergrundrauschen“ wird geprägt von der Generation der Onkel und Tanten, die allesamt in ihren eigenen unerfüllten Partnerschaften leben und sich bemühen, die eigenen Interessen durchzusetzen und Wünsche zu erfüllen – unter Aufrechterhaltung der Fassade, aber ohne Rücksicht auf das Wohlergehen der anderen Mitglieder der Familie.
Zur Übersetzung #
Einige Begriffe und Übersetzungsentscheidungen seien im Folgenden kurz erläutern:
In der Inhaltsbeschreibung heißt es im von uns übersetzten Originaltext des Lianhuanhua „Anfang des 19. Jahrhunderts“ (十九世纪初叶). Ba Jins Roman Die Familie ist jedoch ganz klar in den Zwanziger Jahren des 20. Jahrhundert angesiedelt. Es handelt sich wahrscheinlich um einen Druckfehler im Quelltext. Daher haben wir die Übersetzung korrigiert und nennen hier den tatsächlichen Zeitraum.
In Panel 9 wird der Begriff „Boshi-Hut“ (博士帽) verwendet. Dieser verweist allerdings nicht auf eine moderne Doktorhaube. Das Wort „boshi“ bezeichnete im alten China ursprünglich ein Gelehrten- bzw. Beamtenamt und erhielt erst später die Bedeutung „Doktor“ im akademischen Sinn. Die hier erwähnte Kopfbedeckung geht auf die Amtstracht kaiserzeitlicher Gelehrter und Beamter zurück. Als Bestandteil traditioneller Hochzeiten symbolisierte sie den Wunsch nach künftigem gesellschaftlichem Erfolg, Rang und Ehre des Bräutigams.
Panel 24 erwähnt die „Konfuziusgesellschaft“ (Kongjiaohui 孔教会), eine Anfang des 20. Jahrhunderts gegründete Organisation, die sich für die Wiederbelebung und institutionelle Etablierung des Konfuzianismus einsetzte. Sie versinnbildlicht damit die Rückwärtsgewandtheit von Feng Leshan.
Verwendete und weiterführende Literatur #
Altehenger, Jennifer 2018: Legal Lessons: Popularizing Laws in the People’s Republic of China, 1949–1989, Harvard: Harvard University Press.
Ba, Jin 1980: Die Familie, übersetzt von Florian Reissiger, Berlin: Oberbaum Verlag.
Ba Jin 巴金 2005 (1954): Die Familie 家, bearbeitet von Li Zhongyuan 李仲源, illustriert von Dong Tianye 董天野, Beijing: Renmin meishu chubanshe.
Bauer, Wolfgang und Wolfgang Kubin 2020: „Ba Jin: Jia“, in: Kindlers Literatur Lexikon (KLL), herausgegeben von Heinz Ludwig Arnold, Stuttgart: J.B. Metzler.
Forster, Elisabeth 2018: 1919 – The Year that Changed China, Oldenbourg: deGruyter.
Kubin, Wolfgang 2005: Die chinesische Literatur im 20. Jahrhundert, München: K.G. Saur.
Mitter, Rana 2005: A Bitter Revolution: China’s Struggle with the Modern World, Oxford: Oxford University Press.
Stapleton, Kristin 2016: Fact in Fiction: 1920s and Ba Jin’s Family, Stanford: Stanford University Press.
Zhang Qiming 张奇明 und Wang Yuxing王玉兴 (Hg.) 2003. Gesamtkatalog chinesischer Lianhuanhua: 1949–1994 中国连环画目录汇编: 1949–1994. Shanghai: Shanghai huabao chubanshe.
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We acknowledge the support of the ERC-funded project “Comics Culture in the People’s Republic of China” (CHINACOMX, Grant agreement ID: 101088049). We thank Hanno Lecher and the Library of the the Centre for Asian and Transcultural Studies (CATS), Heidelberg University, for providing us with high-resolution scans of the lianhuanhua. ↩︎